Laissez-moi faire!

Einmal mehr das gleiche Bild: Seit Wochen wünscht sich der 3-jährige Timo nichts anderes als jedes Mal mit den Autos spielen zu dürfen.

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Und was macht er dann? Er parkiert die blauen, die roten, die schwarzen Autos... Aber fahren, tanken, flicken, Unfälle bauen, mich mitspielen lassen –  Fehlanzeige! Ich versuche mich ins Spiel reinzubringen, sauge mir jede Stunde neue Interventionsmöglichkeiten aus den Fingern – aber nein, langweilig wie seit langem, parkiert Timo immer wieder farblich exakt abgestimmt die Fahrzeuge. Er zeigt damit eine tolle Ausdauer, das muss ich zugeben.

Die Farbnamen kennt Timo noch nicht, er kann sie sich auch nach x-maligem Vorsprechen von mir und seinen Eltern nicht merken. Laut Mutter kommt Timo sehr gerne in die Logopädie und freut sich immer auf die Autos, aber die Ungeduld auf einen sprachlichen Fortschritt wächst bei uns allen. Wie bringe ich Timo also endlich zum Handeln, zum Interagieren, zu einer besseren Merkfähigkeit, zum Symbolspiel? Wie werde ich meinem logopädischen Auftrag gerecht?

In meiner Reflexion überlege ich mir: Was macht Timo eigentlich? Er sortiert, schafft Ordnung, strukturiert, baut ein System auf. Was mache ich? Ich interveniere, versuche seine Merkfähigkeit auf die Farbnamen zu lenken, bringe ihn mit Aufforderungen zum Symbolspiel durcheinander. Kurz: Ich mische mich in sein Ordnungssystem ein, das er gerade aufbaut. Da muss ich etwas ändern!

Die nächsten Male lasse ich Timo ohne Interventionen die Autos sortieren, kommentiere nicht mehr. Ich mache bloss Fotos von seinen sortierten Autos. Siehe da, in jeder Lektion ändert er Details in seinem Ordnungssystem, die ich vorher gar nicht bemerkt habe! Was zuerst nur zu der Gruppe „Rot“ gehörte, wird einige Lektionen später untersortiert zu „rote Limousinen“, „rote Sportwagen“ usw. Nur einige Lektionen später fangen sich die sortierten Autos an in eine Schlange aufzureihen, plötzlich tönen Motorengeräusche. Nach einer für mich extrem harten Zeit der absoluten Zurückhaltung stellt Timo Polizeiautos auf und ruft unverhofft in einem forschen Polizistenton: „Alli blaue Auto da übere! Und alli rote deet übere!“

Wer hat nun Timo zum Handeln, zum Interagieren, zu einer besseren Merkfähigkeit, zum Symbolspiel gebracht?  

Super gemacht, Timo!

Cristine M. Koller-Imhof

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