Positive Verstärkung auf Chinesisch…

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Zur Stimmtherapie kommen Fussballtrainer, alte Damen, junge Projektmanagerinnen, Banker, Pfarrerinnen, Juristen, Kassierinnen oder Kindergärtnerinnen aus verschiedensten Ländern. Nicht nur weil ich eine neugierige Person bin, interessiert mich ihr Leben, ihr Alltag und ihre kleinen und grossen Sorgen. Die Schilderungen des Patienten, wenn er seinen Alltag und sein Stimmproblem beschreibt, helfen mir auf verschiedenen Ebenen. So nutzte ich je nach Patient andere Ausdrücke, um eine Übung anzuleiten. Beim pensionierten Hausarzt kann ich die anatomischen Verhältnisse mit Fachbegriffen erklären. Für die Kindergärtnerin spreche ich vom Kehlkopf statt Larynx und von den Stimmlippen statt von der Glottis. Die Dame, die im Chor nicht mehr alle Töne trifft, kann sich unter einer hellblauen, luftigen Stimme einen sachten Stimmgebrauch vorstellen. Bei der Projektmanagerin mit Stimmlippenknötchen hingegen steht das Bild von Stimmlippen, die hart zusammenschlagen wie Händeklatschen, für einen harten Stimmeinsatz.

Im Gespräch loten wir allfällige Faktoren aus, die der Stimme schaden oder gar die Stimmstörung auslösten und aufrechterhalten. Fachleute gehen bei intensivem Stimmgebrauch von über 6 Stunden bereits von Überlastung aus. Schliesslich handelt es sich bei der Stimme um Muskelleistung: Viktor Röthlin würde kaum an zwei aufeinanderfolgenden Tagen einen Marathon in Wettkampftempo laufen! Genau dies verlangen manche Menschen jedoch von ihrer Stimme. Manchmal braucht es intensives Verhandeln, um klären, wo Stimmruhe eingebaut werden kann oder wie Getränke auf eine ausreichende Menge gesteigert werden können. Dem Banker half eine Trink-App, während der pensionierte Herr morgens in der Küche 1,5 Liter Getränke für den gesamten Tag bereitstellte.

Wie wunderbar einfach – aber sehr langweilig – wäre Stimmtherapie, wenn Menschen wie Computer funktionieren würden. Dann könnte ich in den Einstellungen auf „Software deinstallieren“ klicken und danach eine neue, stimmschonende Software laden. Der amerikanische Psychologe B. F. Skinner hat den Menschen komplexer als eine schwarze Kiste eingeschätzt. Er ging davon aus, dass ein Verhalten, also ein physiologischer Stimmgebrauch öfter gezeigt wird, wenn sich daraus positive Konsequenzen ergeben. Skinner nannte dieses Prinzip Verstärkung. Eine Form der positiven Verstärkung ist Lob: „Wow, Herr Meier wie toll ihre Stimme jetzt klingt!“. Oder das Aufmerksam-Machen auf ein reduziertes Fremdkörpergefühl: „Herr Meier, fühlt sich ihr Hals nach der Übung nun enger oder weiter als vorher an?“

Letzthin war da aber Herr Chen aus China. Er gab sich unheimlich viel Mühe beim Umsetzen von Stimmübungen. Ich habe ihn gelobt und hie und da Modifikationen vorgeschlagen. Er aber wurde immer nervöser und angespannter. Am Ende der Stunde hat er mich verzweifelt angesehen und gemeint, dass er nicht alleine üben könne.

Im Netz habe ich diverse Empfehlungen für westliche Businessleute, die mit Chinesen eine Geschäftsbeziehung aufbauen wollen, gefunden. Gemäss den Erklärungen zu den kulturellen Unterschieden habe ich in der zweiten Stunde versucht, meine positive Verstärkung anzupassen. Ich habe ausführlicher gelobt und nur noch äusserst elegant verpackte Änderungsvorschläge angebracht. Herr Chen ist sichtlich aufgeblüht. Mein neues Wissen, dass Kritik in China als Affront aufgefasst wird, hat gewirkt: Herr Chen ging nach dieser Stunde sehr motiviert raus, um die neue Software in seinem Alltag auszuprobieren…

Sabina Hotzenköcherle

Kommentare

Vielen Dank, toller Beitrag

Vielen Dank, super Beitrag!

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