Nach 14 Jahren ausschliesslich in Forschung und Lehre zog es mich zurück in die Praxis. Wieder «an vorderster Front» tätig zu sein und sowohl Kinder als auch Erwachsene auf ihrem sprachlichen Weg zu begleiten, empfinde ich als spannende und bereichernde Herausforderung.
Zu Beginn meines Logopädiestudiums wollte ich möglichst schnell in die Praxis und hätte nie an eine wissenschaftliche Karriere gedacht. Bereits gegen Ende des damaligen Diplomstudiums verspürte ich jedoch die Motivation, mich noch intensiver mit den theoretischen Grundlagen der Logopädie und Sonderpädagogik auseinanderzusetzen. Deshalb absolvierte ich direkt im Anschluss den Masterstudiengang in Sonderpädagogik. Gleichzeitig stieg ich in den Beruf als Logopädin ein und fand nach zwei Stellvertretungen im Regel- und Sonderschulbereich eine Festanstellung an einer Rehabilitationsklinik. Zu diesem Zeitpunkt interessierten mich insbesondere neurologische Störungen bei Erwachsenen. Nach dem Masterabschluss erhielt ich die Möglichkeit, im Rahmen eines Forschungsprojekts zu promovieren. Diese Gelegenheit betrachtete ich als einmalige Chance, mein Interesse an der Forschung weiter zu vertiefen. Mit dem Doktorat und später der Habilitation nahm mein akademischer Weg seinen Lauf, wobei auch eine Professur in Logopädie ein mögliches Ziel darstellte. Obwohl mir die Arbeit als Logopädin stets sehr gefallen hatte, schien dieses Kapitel für mich lange Zeit abgeschlossen zu sein.
Doch es kam anders: Obwohl ich nach wie vor mit grosser Hingabe in Forschung und Lehre tätig war und bin, spürte ich, dass die Zeit für eine Veränderung und eine neue Herausforderung gekommen war. Deshalb reduzierte ich mein Pensum als Lektorin und entschied mich für den Wiedereinstieg in die logopädische Praxis. Ich wollte freipraktizierend arbeiten und gleichzeitig Teil eines Teams sein. Dieses Team fand ich in der Gemeinschaftspraxis «Logopädie im Zentrum». Dort arbeitete ich mich in einen neuen Bereich ein – die logopädische Früherfassung und Frühförderung. Von Beginn an fühlte ich mich in der Gemeinschaftspraxis willkommen und erlebte viel Wertschätzung, Unterstützung und Freundschaft. Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir grosse Freude, auch wenn sie mich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Anstelle von Datenanalyse-Software ist hier Nili, das Nilpferd, mein wichtigster Begleiter. Seit dem Frühjahr dieses Jahres behandle ich ausserdem Erwachsene mit neurologischen Störungsbildern in meiner eigenen Praxis, womit ich gewissermassen zu meinen logopädischen Wurzeln zurückgekehrt bin.
Forschung und Praxis betrachte ich nicht als Gegensätze, sondern als zwei Ebenen, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Man kann in beiden Welten gleichzeitig zu Hause sein – eine Erfahrung, die ich selbst machen durfte. Das Besondere an der praktischen Tätigkeit ist für mich, mitten im Geschehen zu sein und Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten jeden Alters zu begleiten. Man erlebt ihre Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Rückschläge und Fortschritte aus nächster Nähe mit und kann aktiv dazu beitragen, sie auf ihrem Weg der (Wieder-)Entdeckung der Sprache zu unterstützen.
Verena Hofmann, PD Dr. phil.
Neuen Kommentar schreiben